

Das 10. Symphoniekonzert der Hamburger Symphoniker in der Saison 09|10 präsentiert Werke von zwei Komponisten, die mit ihrem Schaffen Beginn und Ende der romantischen Epoche markieren. Beide gingen zudem als kühne Visionäre in die Musikgeschichte ein. Öffnete Mahler mit seiner Musik die Tür zur Moderne, so ist die Musik der Romantik ohne Schubert nicht denkbar. Auch teilen beide das Schicksal des "verkannten Genies": Wurde Mahlers Bedeutung erst 50 Jahre nach seinem Tode voll erkannt, wurde Schubert lange Zeit auf den stets unter Alkoholeinfluss stehenden, harmlosen Biedermeier-Komponisten reduziert. Viele seiner Werke wurden so erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung aufgeführt. Das gilt besonders für den Symphoniker Schubert. Einer der Gründe liegt vielleicht in der Heterogenität seiner Symphonien. Denn während die späten Werke zukunftweisend waren, folgten die ersten sechs in ihrer Klassizität den Vorbildern Haydns, Mozarts, Beethovens und Rossinis.
Seine ersten drei Symphonien komponierte Schubert für das Orchester des Wiener Stadtkonvikts, an dem er ab 1808 als Sängerknabe ausgebildet wurde. Die folgenden drei Symphonien dagegen entstanden für Otto Hatwig, der im Orchester des Burgtheaters Violine spielte und von 1815 bis 1818 in seiner Wohnung regelmäßig Konzerte veranstaltete. Die Ende April 1816 vollendete vierte Symphonie wird vermutlich im Laufe dieses Jahres dort gespielt worden sein. Der Untertitel 'Tragische' wurde später von Schubert auf dem Titelblatt ergänzt. Biografische Gründe für die Benennung sind nicht bekannt. Vielmehr war Schubert im April 1816 zuversichtlich, mit der Empfehlung seines Lehrers Antonio Salieri die gut dotierte Stelle eines Musiklehrers an der neu eingerichteten öffentlichen Musikschule in Laibach zu erhalten und die ungeliebte Tätigkeit als Schulgehilfe an der Grundschule des Vaters endlich aufgeben zu können. Der "tragische" Gestus der Musik - eine bewusste Auseinandersetzung mit Beethoven - wird von Schubert ohnehin nur sehr halbherzig umgesetzt. Zwar verwendet er mit c-Moll die Tonart von Beethovens 'Schicksals-Symphonie', aber schon der erste Satz endet in leuchtendem C-Dur, und auch in den übrigen Sätzen bricht sich immer wieder Schubertsche Melodienseligkeit Bahn. So kann Schuberts vierte Symphonie einen gewissen Studiencharakter einerseits zwar nicht verbergen, zeigt sich aber andererseits als Werk voll unterschiedlichster Stimmungen und Charaktere. [Dr. Wolfgang Doebel]
Franz Schubert
* 31. Januar 1797 in Wien-Lichtental
† 19. November 1828 in Wien
Symphonie Nr. 4 c-Moll D 417 ('Tragische Symphonie')
Entstehung Vollendet 27. April 1816
Uraufführung 19. November 1849, Leipzig, Saal der Buchhändler- börse, Leitung: August Ferdinand Riccius
Erstdruck Verlag Breitkopf & Härtel, Leipzig 1884
Spieldauer Ca. 35 Minuten