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Shakespeare - 'Sturm'

Prosperos Insel ist ein Nirgendirgendwo, ein Reich der Phantasie. Shakespeares Theater: eine nackte Bühne und aller Zauber ein Spiel der Phantasie, erschaffen in Prosperos Hirn.

Prospero, vor Jahren auf einer Insel gestrandet, inszeniert und erfindet dort ein Stück der Strafe, Buße und Umkehr, um herauszufinden, ob die Gattung Mensch gut sein könnte. Er will die Figuren seines Lebens für ihre Verbrechen an ihm zur Verantwortung ziehen und lässt sie in einem Sturm auf seiner Insel/seinem Theater stranden. Doch so wie Prospero sie inszeniert, kommen sie über ihre alten Rollen, über die Wiederholung und Fortsetzung vergangener Verbrechen und Intrigen nicht hinaus. Prosperos Arbeit an der Versöhnung, sein Versuch alte Kriege zu überwinden, indem er die ehemaligen Gegner zur Erkenntnis in ihr verwerfliches Treiben führt und gleichzeitig eine Liebe zwischen seiner Tochter Miranda und Ferdinand, dem Sohn des Feindes, stiftet, droht zu scheitern. Aber der Menschlichkeit suchende Prospero scheitert nicht nur an den anderen, sondern auch an sich selbst: an seinen eigenen Rachegelüsten, an einer Maßlosigkeit, derer er kaum Herr wird. Mehr und mehr wird er in seine eigene Widersprüchlichkeit geführt und muss überdies erkennen, dass seine Herrschaft über die zwei Inselwesen Ariel und Caliban - über den Luftgeist und das Erdtier - kaum weniger grausam und selbstgerecht ist als das Verhalten seiner Feinde. Schließlich hat er die beiden ihrer Freiheit beraubt.
Und nun findet Prospero, der in Gefahr ist, sich selbst zu vergessen, ausgerechnet durch ein nichtmenschliches Wesen, durch den Luftgeist Ariel, die Kraft zu Menschlichkeit, zu Gnade und Vergebung. Diese für ihn übermenschliche Anstrengung verlangt ihm alles ab. Am Schluss zerbricht er, erlöst und erleichtert, aber auch ermüdet und ermattet seinen Zauberstab und klappt seine magischen Bücher zu. Der Verzicht auf Rache und der Verzicht auf die gestaltende Kraft der Phantasie kostet ihn beinahe alles.

Prospero hat sein Ziel, die Versöhnung und den Sieg des Humanen, erreicht - beinahe: denn er lässt zwar den Luftgeist Ariel frei, nicht aber das geschundene Erdtier. Ein Rest bleibt immer. Die Calibane dieser Welt müssen weiterschuften, alles andere wäre unrealistisch. Prospero/Shakespeare aber hat dennoch mehr erreicht als ihm möglich schien. Und so stößt er auf das entscheidende Rätsel der menschlichen Existenz: Erfüllung ist immer auch Abschied und Sterben, Nähe zum Tod. Prospero ist bereit dazu. Und auch Shakespeare stirbt, wenige Jahre nach dem Sturm. Und sein Thron bleibt leer.

In seinem letzten Stück, dem Sturm, hat Shakespeare erstmals in seinem jahrzehntelangen Schaffen keine literarische Vorlage für seinen Text, sondern erfindet sich selbst eine Welt. Bisher hatte er in einem Dutzend Königsdramen, auf über tausend Blatt Papier, wie in einer großen manischen Obsession, Gewalt und Gegengewalt, Macht- und Mordlust der Menschheit gezeigt - kurz: die Wirklichkeit. In und mit Prospero erfindet er nun, an seinem Lebensende, die Welt als Insel, als Theater, als Raum phantastischer Möglichkeiten. Hier erst dringt er durch die Wirklichkeit hindurch und über sie hinaus, befreit sich und wird bereit sich zu lösen, bereit zu sterben. So ist das ganze Stück auch eine Idee in Prospero-Shakespeares Kopf, ein Blatt Papier, das im Kopf alle Herrschaftsspiele noch einmal durchläuft, um schließlich mit der Vision von einem humanen Ausgleich beschrieben zu werden. Das Glück der Erfüllung beinhaltet den Verzicht auf Rache und die Erkenntnis in die Unzulänglichkeit des Menschlichen... und die Bereitschaft zu sterben. Ob der Insel-Versuch in der Wirklichkeit Bestand hätte? Prospero will es nicht mehr wissen.

Der Sturm ist Shakespeares rätselhaftestes Stück, unendlich oft und unterschiedlich interpretiert. Eines aber ist unstrittig: Die Musik gehört als Kraftfeld zur Poesie der Insel dazu, wie sonst nirgends bei Shakespeare. Die romantische Idee, dass die Musik die Dichtung übersteigt, uns in Räume führt, die der Sprache verschlossen sind - hier hat sie ihren Ursprung. Ausgerechnet Caliban, das Erdtier, beschreibt sie, wie es einem primitiven Wesen gar nicht möglich sein dürfte und Ariels Gesänge übersteigen Prosperos Dichtung um ein Vielfaches. Der Mangel der Sprache gegenüber der Musik ist ein weiteres subkutanes Thema von Shakespeares Sturm, ein Thema, dem sich Shakespeare erst hier stellt, unmittelbar bevor er für immer verstummt.

[Joachim Lux]

Shakespeares 'Sturm' mit der Bühnenmusik von Sibelius erleben Sie in diesen Konzerten

Sonntag, 28. März 2010
7. Symphoniekonzert     19.00     Laeiszhalle, Großer Saal
Dirigent:
Jeffrey Tate

Joachim Lux, Textfassung und szenische Einrichtung
Wolf-Dietrich Sprenger, 'Prospero'
Angelika Thomas, 'Ariel'
Alexander Simon, 'Caliban'
Thomas Niehaus, 'Stephano'
Hans Löw, 'Trinculo'
Susann Kalauka, 'Juno' (Sopran)
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor
Sibelius
'Der Sturm'
Shakespeare
'Sturm'
 
 
Dienstag, 30. März 2010
7. Symphoniekonzert     19.30     Laeiszhalle, Großer Saal
Dirigent:
Jeffrey Tate

Joachim Lux, Textfassung und szenische Einrichtung
Wolf-Dietrich Sprenger, 'Prospero'
Angelika Thomas, 'Ariel'
Alexander Simon, 'Caliban'
Thomas Niehaus, 'Stephano'
Hans Löw, 'Trinculo'
Susann Kalauka, 'Juno' (Sopran)
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor
Sibelius
'Der Sturm'
Shakespeare
'Sturm'