

Antonín Dvořák galt in Europa vielen als Komponist typisch 'böhmischer' Folklore. Am besten fühlte er sich als Komponist großer symphonischer Werke in der Tradition Beethovens, Schumanns, Liszts und Wagners in England verstanden. Als sein Ruf als Komponist schließlich bis nach Amerika vorgedrungen war, bot man ihm 1891 die Stelle des Künstlerischen Direktors und Kompositionsprofessors am National Conservatory of Music in New York an. Im November 1892 schrieb Dvorak an einen Freund: "Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir, vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbstständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen! [...] Es ist gewiss eine große und hehre Aufgabe für mich und ich hoffe, dass sie mir mit Gottes Hilfe gelingen wird. Anregungen gibt es hier genug und genug."
Am ausgeprägtesten finden sich diese Anregungen in dem ersten großen Werk, das in Amerika entstand, seiner neunten und letzten Symphonie mit dem Beinamen 'Aus der Neuen Welt', die er vom 10. Januar bis 24. Mai 1893 komponierte und die am 16. Dezember desselben Jahres mit sensationellem Erfolg in New York uraufgeführt wurde. Schon in den Kritiken der Uraufführung wurde das neue Werk als Dvořáks "amerikanische Symphonie" bezeichnet. Um die Erwartungen zu erfüllen, hatte Dvořák sich mit dem beschäftigt, was zu der Zeit von der Musik der indianischen Urbevölkerung bekannt war und ließ sich auch von der 'Buffalo Bill Cody's Wild West Show' inspirieren, in der der Kampf gegen die Indianer in sehr pathetischen Bildern nachgestellt wurde. Außerdem ließ er sich von einem farbigen Studenten des Konservatoriums Negro-Spirituals vorsingen, um auch diese Elemente in seine Musik mit einzubeziehen. Tatsächlich erinnern mehrere Themen des ersten Satzes an Spirituals, etwa an die bekannte Melodie "Sweet Chariot", und die Mittelsätze sind von Henry Longfellows 1855 erschienenem Indianer-Epos "Lied von Hiawatha" beeinflusst. So bezieht sich das Scherzo auf die Szene einer "Waldfeier und die tanzenden Indianer", während dem Komponisten im Largo mit seinem pentatonischen Thema das Bild einer "Begräbnisfeier im Walde" vorschwebte. Dennoch ist neben den "amerikanischen" Klängen der Symphonie im Trio des Scherzos deutlich das Heimweh nach Böhmen zu vernehmen, das den Komponisten schließlich bewog, mit seiner Familie Ende April 1895 in die Heimat zurückzukehren. [Dr. Wolfgang Doebel]
Antonín Dvořák
* 8. September 1841 in Nelahozeves (bei Prag)
† 1. Mai 1904 in Prag
Entstehung 10. Januar bis 24. Mai 1893 in New York
Uraufführung 16. Dezember 1893, New York, Carnegie Hall, Leitung: Anton Seidl
Erstdruck Verlag Simrock, Berlin 1894
Spieldauer Ca. 45 Minuten