

Zur Erreichung dieses Ziels entwickelte Debussy eine vollkommen neue Musiksprache, in der Nuancenreichtum, feinste Abstufung des Klanges und fließende, verschwimmende Konturen bedeutender sind als Verarbeitung von Motiven. Diese Musiksprache verwendete Debussy etwa in La mer oder im Prélude à l’après-midi d’un faune. In den deutlich später komponierten Images pour orchestre dagegen ist die Musik klarer gezeichnet und konturenschärfer, weshalb sie bisweilen mit derjenigen von Maurice Ravel verglichen wird. Debussy selbst beschrieb das Orchester der Images als klingend "wie ein Kristall" und "leicht wie eine Frauenhand".
Die Bilder für Orchester entstanden über einen längeren Zeitraum in den Jahren von 1905 bis 1912. Ursprünglich waren sie nicht als zusammenhängender Zyklus konzipiert. Die Partitur des ersten Teils, Gigues, wurde sogar von Debussys Schüler André Caplet vollendet und instrumentiert. Während dieses Stück von einer englischen Herbstlandschaft inspiriert ist und das letzte, Rondes de printemps, das Erwachen des französischen Frühlings unter anderem durch ein altes volkstümliches Mailied ausdrückt, führt uns der mittlere, in sich dreiteilige Abschnitt auf die iberische Halbinsel. Seine beiden Außenteile stellen spanisches Temperament im Bolero-Rhythmus (Auf den Straßen und Wegen) bzw. als langsam näherrückenden Marsch (Der Morgen eines Festes) dar. Der Mittelteil dagegen fängt als unendlich verlangsamte Habanera atmosphärisch dicht die Düfte der Nacht ein. Er ist die konsequente Fortsetzung des Cancionero de pedrell von Roberto Gerhard, der die Klänge seiner spanischen Heimat in den Mittelpunkt seines Liederzyklus stellte. [Dr. Wolfgang Doebel]
Achille-Claude Debussy
* 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye
† 25. März 1918 in Paris
Images pour orchestre
Entstehung 1905 bis 1912
Besetzung Großes Orchester mit Schlagzeug, Celesta, Glocken und Harfen
Uraufführung 26. Januar 1913, Leitung: Claude Debussy
Erstdruck Verlag Durand & Cie., Paris 1910/1913
Spieldauer Nr. 1 - 'Gigues': Ca. 7 Minuten, Nr. 2 - 'Iberia': Ca. 21 Minuten, Nr. 3 - 'Rondes de printemps': Ca. 8 Minuten