

Viele Komponisten begannen ihre Karriere erst im Erwachsenenalter. Daneben trifft man in der Musikgeschichte immer wieder auf Frühbegabungen, die als Wunderkinder auf sich aufmerksam machten oder schon in ihrer Jugend Werke auf dem Niveau erwachsener Komponisten vorlegten. In diese Reihe gehören nicht nur Mozart, Schubert oder Mendelssohn, sondern auch der 1913 geborene Benjamin Britten. Die Quatre Chansons Françaises komponierte er im Alter von 14 Jahren und schenkte sie seinen Eltern zum 27. Hochzeitstag. Das ehrgeizige Projekt weist deutliche Einflüsse von Frank Bridge auf, bei dem Britten seit Herbst 1927 Kompositionsunterricht nahm. Bridge zählte zu den wenigen britischen Komponisten, die sich auch für die Musik des restlichen Europa interessierten, und so überrascht es nicht, dass hier auch die Musik Gustav Mahlers, Richard Wagners und des französischen Impressionismus offensichtlich eine wichtige Inspirationsquelle für Britten war. Die Lieder zeigen eine für das Alter des Komponisten erstaunliche Reife in der Verwendung der Klangfarben des Orchesters. Mit Unterstützung von Harfe und Klavier entfaltet sich ein großer impressionistischer Farbenreichtum, voll von feinsten Nuancierungen, der treffsicher die verschiedenen Stimmungen der Texte einfängt und manchmal an Berlioz oder Debussy erinnert.
Ebenso erstaunlich für einen Vierzehnjährigen ist die Textauswahl, die je zwei Texte von Victor Hugo und Paul Verlaine kombiniert. Ausgehend von Victor Hugos Betrachtung einer lauen Sommernacht mit ihrem "betäubenden Duft von den blumenbedeckten Feldern" behandeln die Texte existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Vergänglichkeit und dem Tod. So ist das Herbstlied von Paul Verlaine ein resignatives Abschiednehmen vom Leben: "Wie ein totes Blatt lasse ich mich von den bösen Winden in alle Richtungen tragen." Textlich und musikalisch steht jedoch das dritte Lied (Die Kindheit) im Zentrum des Zyklus. Hier ist die Spannung zwischen Leben und Sterben exemplarisch im Gegenüber eines spielenden Kindes und seiner todkranken Mutter vorgeführt: "Während das Kind sang, kämpfte die erschöpfte Mutter im Bett mit dem Tode." Diese Konfrontation von unschuldiger Jugend mit Zerstörung und Tod sollte den überzeugten Pazifisten Britten noch oft beschäftigen - nicht nur in seinem War Requiem, mit dem die Hamburger Symphoniker diese Spielzeit eröffneten. [Dr. Wolfgang Doebel]
Benjamin Britten
* 22. November 1913 in Lowestoft (Suffolk)
† 4. Dezember 1976 in Aldeburgh
Quatre Chansons Françaises
Entstehung Juni bis 31. August 1928
Besetzung Orchester mit Schlagzeug, Harfe und Klavier
Widmung Gewidmet Brittens Eltern zu ihrem 27. Hochzeitstag
Uraufführung 30. März 1980, English Chamber Orchestra, Heather Harper, Sopran, Leitung: Steuart Bedford (Rundfunk-Aufführung)
Erstdruck Faber Music Ltd, London 1983
Spieldauer Ca. 15 Minuten